Einen Scheiß muss ich
Und nochmal … Blogparade: Heute von Silke Geissen: „Einen Scheiß muss ich“. Das hat mich sofort angesprochen, da ich sehr stark auf das „Ich muss“ geprägt wurde.
Das ist doch mal ein echt provokantes Thema. Diesen Satz habe x-fach gesagt in meinem Leben. Als wieder mal irgend jemand irgendwas von mir wollte und dachte, dass ich das jetzt und sofort so zu machen hätte. Sprich: machen MUSS. Wie oft ging es dir schon so? Wie oft hatte ich selbst diese Ansprüche an andere ?
Die Frage, woher kommt dieser Satz und warum ist er so drastisch, so provokant?
Die Erwartung ist eine, die uns glauben lässt, dass wir müssen: handeln müssen, funktionieren müssen, einen Job haben müssen, eine gescheite Audbildung machen müssen, sich so und so benehmen müssen, sich anpassen müssen. Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden.
Woher kommen diese Erwartungen? Aus Regeln für ein Miteinander? Manchmal, ja. Aber immer und durchgehend? Nein. Aus der Familie? Ja. Aus der Gesellschaft? Ja. Aus dem Arbeitsbereich? Ja. Und auch hier gibt es vermutlich zig Gelegenheiten, in denen wir das Gefühl haben, etwas zu müssen.
Ich gehe der Frage nach, was „man“ muss bzw. was ich muss. Die eigentliche Frage ist doch die folgende:
Warum glaube ich, das zu müssen? Muss ich das (alles) wirklich? Einen Scheiss muss ich.
Was ich in Wirklichkeit muss
- Atmen
- Essen
- Trinken
- Schlafen
- Verdauen
- Sterben
Das ist ziemlich wenig. Das sind die Funktionen, die die Arbeit meines Körpers beschreiben, um ihm das Überleben zu sichern. Oder das Leben. So genau ist das ja nicht zu trennen.
Der Rest ist doch vielleicht freiwillig, oder? Denken- muss man denken? Lieben- muss man lieben? Lachen- muss man lachen? Spielen- muss man spielen?
Es gäbe noch so viele Beispiele, ohne die ein Mensch vermutlich auskommt und das Ganze trotzdem überlebt.
Ich muss….
Diese Wortkombi begleitet mich seit meiner Kindheit. Immer gab es was „zu müssen“. Ich muss(noch) was tun, was erledigen, das endlich leisten – egal ob ich mag oder nicht. Ein ewiges Müssen.Und ich muss. Woher das kommt? Ich kann es kaum sagen. Mein Gefühl ist, dass es gar nicht ein Thema der Familie ist, sondern ein gesellschaftliches. Dennoch war es ein Standardsatz bei uns zuhause.
Das war vielleicht eine Frage der Zeit, eine Frage der Gesellschaft, vielleicht ein Ziel der Generation meiner Eltern, die nach dem Krieg den Wiederaufbau eines tief zerstörten Landes leisten musste, um zu überleben und nicht endgültig unterzugehen. Da musste jeder mitmachen, anpacken, sich zusammenreißen, nicht jammern, Essen auf den Tisch bekommen, etwas Neues aufbauen, die eigenen Gefühle und Traumata unter den Teppich kehren – sich um das Nötige kümmern, nicht um persönliche Befindlichkeiten. Die Fotos der Trümmerfrauen und die Erzählungen unserer Eltern oder Großeltern kennen viele von uns.
Es gab auch nicht den Luxus, sich zu überlegen, wozu man heute vielleicht Lust hätte oder was meiner eigenen Erfüllung entsprechen würde. Die Zeit war nicht da. Das Geld war nicht da. Und die Möglichkeit auch nicht.
Auf jeden Fall habe ich das Müssen und Du-musst schon in der Kindheit gelernt. Damit bin ich groß geworden. Die Gesellschaft war in der Zeit leistungsorientiert – eine logische Folge der Zeitgeschichte.
Mein persönliches „Ich Muss“
- fleissig sein
- ehrlich sein
- aufessen, damit die Sonne scheint
- hart arbeiten
- es zu etwas bringen
- brav sein
- mich anpassen
- stark sein
- gefallen
- mich kümmern um andere
- vernünftig sein
- den Erwartungen anderer entsprechen
Mit dieser Liste bin ich aufgewachsen und habe diese Sätze tief inhaliert. Bis heute spielen sie eine Rolle in meinem Leben. Mal mehr, mal weniger. Auch wenn ich immer wieder daran arbeite, mir bewusst zu machen, dass diese Zeit vorüber ist – wirken diese Forderungen unbewusst weiter.
Die Folgen von „Ich Muss“
- Ständiger Druck
- Überforderung, die nicht aufhört
- Ein Gefühl, nie fertig zu sein
- Ein Gefühl, es nie geschafft zu haben
- Daraus entsteht: ich bin nicht gut genug
- Der Vergleich mit anderen Menschen hat eine fatale Wirkung
- Statt Motivation entsteht Frust und Resignation
- Überhöhte Erwartungen an sich selbst und von außen
- Eine Anpassung, die krank machen kann
- Scheitern ist eine große Option, denn der Druck ist übermächtig
Befreiung von „Ich muss“
Die o.g. Folgen kenne ich nur zu gut. Leider bin ich immer wieder in der Überforderung, höre einfach nicht auf mich, mache weiter und weiter. Dann ist es zuviel, dann zuwenig, ich habe ein schlechtes Gewissen in jede Richtung, der Spass geht verloren. Der Frust, nie fertig zu werden, ist enorm.
Die To-Do-Listen werden immer länger und haben keine Chance auf Erledigung: ein Punkt erledigt und es enstehen drei neue Aufgaben. Das kennt vermutlich jeder Mensch, mehr oder weniger.
Wie also aussteigen aus diesem Kreislauf, aus diesem Hamsterrad? Denn genau das ist die Wirkung. Ich habe es mehrfach versucht: die Listen besser strukturieren, weniger drauf schreiben, lässiger und entspannter damit umgehen.
Das Zauberwort für mich, nach einigen mißlungenen Versuchen, hieß: Entscheidung.
Ich treffe Entscheidungen für mich und mein Leben. Die Fragen, die ich mir stelle :
Was tut mir gut, jetzt? Worauf habe ich Lust? Was kann ich leisten, ohne mich zu überfordern? Was ist wirklich so wichtig, dass es heute oder morgen erledigt ist?
Ich entscheide….
- dass ich mich ernst und wichtig nehme und für meine Bedürfnisse sorge
- dass ich mich auf Gespräche und Situationen vorbereite
- was jetzt wichtig ist
- was ich vorausschauend erledigen kann
- möglichst nichts mehr aufzuschieben, um keine neue „Ich-Muss-Situation“ zu schaffen
- nein zu sagen und deutliche Grenzen zu setzen
- Arbeiten zu deligieren, denn ich kann nicht alles allein machen
- dass mein Körper und sein Wohlbefinden die Grundlage für heute und eine Zukunft sind, d.h. ich gehe achtsam mit ihm um
- dass Ernährung dabei eine wichtige Rolle spielt: gesundes Essen ist nicht verhandelbar
- dass ich für Ausgleich und Pausen sorge, für ausreichenden Schlaf und Entspannung
- dass ich für freudvolle Erlebnisse sorge, für Freude, die mich erfüllt
- für Anerkennung gebe ich mich auf keinen Fall auf
- ich reagiere in meinem Tempo – oder auch gar nicht
- keine Erklärungen, keine Wiederholungen, keine Rechtfertigungen zu geben
- Bewegung ist mir wichtig und ich mache sie regelmässig, ohne mich zu überfordern
- die Bewertung meiner eigenen Person zu stoppen – und die zu anderen Menschen
- meine inneren Dialoge zu überprüfen und positiv zu gestalten
- mich nicht zu vergleichen, was in Social Media Zeiten eine echte Herausforderung ist
- ich kann jederzeit eine neue Entscheidung treffen
Die neuen Zauberwörter
- Ich erlaube mir
- Ich wähle
- Ich darf
- Ich kann
- Ich entscheide
- Ich bleibe dran
- Ich habe die Möglichkeit
- Ich bin dran
Einen Scheiß muss ich
Ich gebe mir selbst die Erlaubnis, ich zu sein – mit allem, was mich ausmacht. Ich erlaube mir, auch mal schräg zu sein,ohne mich verstecken zu müssen. Ich entscheide, wie ich mich fühle, und brauche dafür keine Rechtfertigung.
Einen Scheiß muss ich die Forderungen und Erwartungen anderer erfüllen.
Selbstoptimierung findet nicht statt, statt dessen lieber ein tiefes Gespräch über den Sinn des eigenen Lebens – darüber, was gut läuft und was schief läuft.
Selbstliebe, Selbstakzeptanz und Selbstrespekt: Das ist es, wonach ich strebe. Immer wieder neu lernen. Immer wieder umsetzen.
Die Essenz
Ich muss nur sechs Dinge: atmen, essen, trinken, schlafen, verdauen, sterben.
Der Rest ist meine Entscheidung. Jeden einzigen Tag neu.
Wenn das nächste „Ich muss“ in mir hochkommt, halte ich inne und frage mich:
Muss ich das wirklich? Oder darf ich anders?
Wenn du spürst, dass du auch so einen Ich-Muss-Rucksack trägst, der so voller fremeder Erwartungen ist – dann lass uns reden.
Erzähl mir deine Geschichte, und ich schubse dich dahin, wo es weitergeht für dich.
Kurz und knackig, wie ich das mag.
Wenn du spürst, dass du Begleitung brauchst, um dein eigenes Ich-Muss loszulassen, dann schreib mir einfach.
Was musst du eigentlich gar nicht mehr? Schreibe es mir gerne in die Kommentare.
Da geht noch was, weißt du.

Dr. Martina Riedel Über mich: Ich komme aus der klassischen Schulmedizin und da ich viele Fragen hatte, die mir dort nicht beantwortet wurden, habe ich mich interessiert für und fortgebildet in ganzheitlichen Heilweisen, Kunst als Möglichkeit zur eigenen Heilung, in energetischen Heilweisen und Persönlichkeitsentwicklung. Als Mentorin und Anschubserin ist es mein Ziel, Menschen zu helfen, Zusammenhänge zu erkennen. Ein Wechsel der Perspektive, verbunden mit einer positiven Einstellung, kann wie ein starker Katalysator für eine Heilung sein. Da ich selbst zwei Krebsdiagnosen erfahren habe, weiß ich, wie groß die Bedrohung für die Person ist. Die Antworten und Lösungen sind oft nur einen Schritt entfernt. Dabei unterstütze ich Sie gerne. Hier erfahren Sie mehr über mich.
