Noch ein Spruch für die Tonne: Die Zeit heilt alle Wunden
Die Zeit heilt alle Wunden. Mit dem Spruch bin ich aufgewachsen. Dieser wurde genannt, wenn etwas Schlimmes geschehen war, etwas Traumatisches, ein schwerer Verlust, der Tod einer geliebten Person.
Der Spruch besagt, dass tiefer Schmerz durch die o.g. Ereignisse, vergehen wird. Vielleicht langsam, aber der Schmerz wird sicher weniger und geht weg.
Ich habe diesen Satz oft als leer empfunden, als Spruch eben. Ich habe verstanden, dass er gerne her genommen wird, da auch die eigene Ohnmacht keine echten Worte findet. Es ist ein Versuch, zu trösten, ist gut gemeint. Ob er hilft: das wage ich zu bezweifeln.
Warum er nicht stimmt
Zeit kann nicht heilen. Ein Verlust oder Trauma geschieht, häufig unerwartet, löst einen Schock aus. Alles bricht in einer Person zusammen, der Boden scheint aufzugehen, um das eigene Leben und die betroffene Person zu verschlucken. Es ist ein Ereignis, das ein Leben erschüttert und verändert.Trauma kann in jedem Alter geschehen.
Die Hoffnung ist groß, dass der Schmerz über das Ereignis, weniger wird, blasser, mit weniger Dramatik. Die Hoffnung ist groß, dass die Erinnerung, die da ist, geringer wird, weniger schmerzhaft, sich mehr ins Schemenhafte verändert.
Zeit ist kein Instrument für Heilung, aber Zeit schafft einen Raum: für eine mögliche Heilung und einen Weg dahin. Zeit gibt Gelegenheit, zu heilen, aber ist keine Garantie, dass Heilung stattfindet.
Meine Beobachtung
Wenn dieser Spruch stimmen würde, frage ich mich, warum es so viele traumatisierte Menschen gibt, deren Wunden längst hätten heilen können. Fast jeder Mensch hat ein Trauma erlebt, leichter oder schwerer, was von außen gar nicht beurteilt werden kann.
Die Geschichte meiner Familie zeigt ein schweres Trauma, das meine Eltern und Großeltern erlebt haben. Das Trauma des Krieges und der Vertreibung. Für alle Personen stellt das ein wirklich schweres Trauma dar, das sich auch in die nächste Generation bewegt. Wir kennen das heute aus der Auseinandersetzung mit dem Thema Kriegsenkel. Es ist bekannt, dass Trauma weitergegeben wird, ohne dass es persönlich erlebt werden muss.
Dies Trauma wog so schwer, dass meine Eltern zeitlebens nicht darüber sprechen wollten oder konnten. Der Schmerz war zu groß. So zumindest meine Interpretation. Sicher gibt es mehr Gründe. Meine Beobachtung war, um zum Thema Zeit heilt alle Wunden, zurück zu kommen: nein, es hat wenig oder keine Heilung statt gefunden. Ich sage das in großem Respekt vor meinen Eltern und allen Menschen, die das erlebt haben.
Es ist eine Entscheidung, nicht zu reden, den Schmerz auszuhalten, zu verdrängen und zu kompensieren. Das ist sehr menschlich, denn es braucht eine Anstrengung und Mut, sich dem zu stellen. Trauma ist gespeichert, in jeder Zelle. Das braucht Unterstützung.
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich das bestätigen. Der Schock einer Diagnose Krebs o.ä. ist ein sehr traumatisches Ereignis, genauso wie die anschließende Behandlung. Die Zeit ändert an diesem Schock gar nichts. Manchmal verblasst tatsächlich das eine oder andere Gespräch, verschiebt sich in den Hintergrund. Aber ich kann wichtige Gespräche und Momente bis heute in einer Klarheit erinnern und benennen, wie es gar nicht angenehm ist.
Was ich stattdessen erlebe
Ich persönlich erlebe einen längeren, mühsamen Weg der Heilung. Dieser hat damit zu tun, sich dem Geschehnissen zu stellen. Dazu gehören viele Fragen, die ich mir stelle: Wann habe ich was gemacht? Wo bin komisch abgebogen? Was vermeide ich zu sehen oder zu tun? Welche Entscheidungen treffe ich nicht, obwohl sie sehr klar zu sehen sind? Warum gebe ich meine Macht ab? Was benötige ich, um zu heilen? Welche Situationen wiederholen sich?
Ja, ich kann abwarten. Bei mir hat das nichts Gutes bewirkt, denn ich hatte mich noch immer nicht entschieden und wartete immer noch auf ein Wunder. Und.. es kam einfach nicht.
Ich habe begonnen, ehrlich zu sein. Erst mit mir, dann im Außen. Erkennen, was in echt geschieht, wo meine inneren Defizite und Muster liegen. Diese zu bearbeiten braucht vermutlich Hilfe und Unterstützung.
Ich habe sehr viel geredet. Zum Glück hatte ich Menschen, die Fragen stellten und zuhörten. Und die sich auch interessierten, wie es mir ging und nicht von der 10. Wiederholung meines Problems genervt waren.
Ich musste um Hilfe bitten und habe sie erhalten. Familie, Freunde, Nachbarn. Die meisten sind bereit dazu.
Was wirklich wichtig ist
Trost und Zuspruch
Aktive Schritte
Zuversicht
Gefühle anschauen
Auseinandersetzung mit dem Geschehenen
Realitätsabgleich
Geduld mit sich und dem eigenen Leben
Zeit, hinzuschauen, um in Ruhe den eigenen Weg in die Heilung zu gehen
Essenz
Nicht die Zeit heilt Wunden. Die Heilung beginnt mit dem, was ich in der Zeit tue.
Was hälst du von diesem Spruch? Hast du positive Heilung durch Zeit erlebt?
Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.

Dr. Martina Riedel Über mich: Ich komme aus der klassischen Schulmedizin und da ich viele Fragen hatte, die mir dort nicht beantwortet wurden, habe ich mich interessiert für und fortgebildet in ganzheitlichen Heilweisen, Kunst als Möglichkeit zur eigenen Heilung, in energetischen Heilweisen und Persönlichkeitsentwicklung. Als Mentorin und Anschubserin ist es mein Ziel, Menschen zu helfen, Zusammenhänge zu erkennen. Ein Wechsel der Perspektive, verbunden mit einer positiven Einstellung, kann wie ein starker Katalysator für eine Heilung sein. Da ich selbst zwei Krebsdiagnosen erfahren habe, weiß ich, wie groß die Bedrohung für die Person ist. Die Antworten und Lösungen sind oft nur einen Schritt entfernt. Dabei unterstütze ich Sie gerne. Hier erfahren Sie mehr über mich.
