Dieser Weg war nicht glanzvoll. Aber wertvoll.

Heute ist wieder Blognacht: Vol.71 von Anna Koschinski. Ich bin dabei.

Das Thema heute „Dieser Weg war nicht glanzvoll. Aber wertvoll.“ Danke für den Impuls.

Der Start

Ausdrucksmalen: eine Art des Malens, bei dem es nicht um einen Erfolg geht oder um ein verkaufbares Bild. Es geht vielmehr darum, einen Ausdruck zu finden, von sich selbst, vom eigenen momentanen Zustand, in einen eigenen Prozess zu gehen. Ein Raum der Möglichkeiten.

Es geht darum, einfach anzufangen, mit Pinseln, mit den Händen. Gemalt wird großformatig auf stabilem Papier. Alles ist in Ordnung. Die Farben sind bunt, intensiv, wasservermalbar, stark deckend. Guache Farben sind hierfür großartig geeignet. Sie haben viel Pigment und gleichzeitig einen hohen Kreideanteil, der für eine starke Deckkraft sorgt.

Der Malende fängt einfach an und schaut, wohin es geht. Spielerisch, ohne konkretes Thema, geht es darum, mit Freude auszuprobieren, ohne Erwartung und ohne Druck. Es ist keine Vorraussetzung, malen zu können. Machmal habe ich es sogar als Hürde erlebt, maen zu können, weil die Erwartungen an sich selbst im eigenen Weg stehen.

Es geht darum, sich zu erleben, die eigenen Grenzen zu erkunden und zu überwinden. Glaubenssätze und Muster werden sichtbar. Der Weg der Transformation beginnt. Sich zu trauen, Neues zu probieren. Dran bleiben, wenn es steinig wird. Es gibt kein Scheitern, da nichts zu erreichen ist. Und da alles zu jeder Zeit übermalt werden kann. Oft sind viele Schichten auf dem Bild, die sich aus dem erlebten Prozess ergeben.

Emotionen und Gefühle zeigen sich im Prozess der Malenden. Das Durchleben von abgewerteten Gefühlen, wie Trauer, Wut, Ärger, ist oft schwierig auszuhalten. Das Erleben, den nächsten Schritt zu wagen, trotz der Emotionen, bringt meist ungeahnte Kräfte zurück, die für jede Person anders und unterschiedlich intensiv sind.

Sich auf diesen Transformationsprozess einzulassen bringt tiefe Erfahrungen der Verbundenheit, des Glücks und einer geradezu tiefen Seligkeit mit sich. Es ist ein Prozess, dem sich die Malenden stellen. Das Ergebnis des Bildes ist gar nicht wichtig, denn es gibt nichts zu erreichen.

Mein Lehrer, Laurence Fotheringham, hat das Ausdrucksmalen perfektioniert und hat einen großartigen Malraum geschaffen. Er war ein großartiger Mensch und sehr sensibler, kompetenter Begleiter in all diesen Prozessen. Ich war zutiefst dankbar, die Ausbildung zur Ausdrucksmal-Leiterin bei ihm machen zu können. Er hat mir eine neue Welt zu mir selbst eröffnet.

Der Traum

Mein großer Wunsch war es, ein eigenes Atelier zu eröffnen und die Segnungen dieser wunderbaren Arbeit anderen Menschen zuteil werden zu lassen. Einen Ort zu schaffen, an dem Menschen malen dürfen, ohne es können zu müssen. Ich war so erfüllt und begeistert von den eigenen Prozessen, meinen Möglichkeiten, alles fühlen zu können und zu dürfen, dass ich das weitergeben wollte. Ich fand, dass diese Arbeit für viele Menschen sehr bereichernd wäre.

Ich war von so viel Glück und Glückseligkeit erfüllt, wenn ich selbst malen konnte. Genauso, wenn ich andere Teilnehmer begleiten konnte.

Das Spiel mit den Farben, keinen Anspruch zu haben an ein Ergebnis, zu fühlen, worum es ging. Die Welt um uns erwartet Ergebnisse, die wenigstens gut sein sollten, besser noch großartig. Daraus ergibt sich für viele Menschen, auf jeden Fall für mich, eine permanente Überforderung mit einem Perfektionismus, der sich nie einlösen lässt.

Sich auf die Tiefe der eigenen inneren Welt einzulassen war leicht für mich. Schwieriger waren die s.g. unliebsamen Gefühle, wie Wut und Scham. Ich erinnere mich an einen Wutausbruch, der so heftig war, wie ich mir das nicht hätte vorstellen können. Ich erkannte, wieviel Kraft darin gebunkert ist. Ich lernte, diese meinem Leben zur Verfügung zu stellen und mich dafür nicht abzuwerten.

Ich hatte große Pläne. Vor meinen inneren Auge enstand ein wunderbares Atelier, um Ausdrucksmalen anzubieten. Ich fand tolle Räume, in die ich die notwendigen Wände einziehen liess, bestellte Papier, Farben und alle anderen Maluntesilien, die man so brauchte. Selbst ein wunderbares Regal, das die Farben aufnahm, damit die Malenden schnell und spontan wählen konnten oder mischen und probierten. Es war ein Abenteuer, das begann. Alles war so, wie ich es mir wünschte und fand, dass es eine gute Arbeitsathmosphäre wurde.

Ich erhoffte mir Einzeltermine für Frauen und Männer, in denen Menschen sich öffnen und ihre eigene Reise machen konnten, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Außerdem bot ich Seminare an, an einzelnen Tagen oder auch ein ganzes Wochenende, um eintauchen zu können und sich der eigenen Persönlichkeitsentwicklung widmen zu können.

Ich ging auf viele Netzwerk Events, stellte meine Arbeit auf Messen/Ausstellungen vor, hielt Vorträge, lud ein zu Schnuppertagen. Meine Website war da, ich verteilte Flyer an allen möglichen Locations, ich redete ständig darüber.

Und dann – Der Absturz

Anfangs kamen einige Frauen. Sie waren begeistert von dieser Art zu Malen, von der Freiheit, die darin steckte. Sie erlebten diese und nahmen die Erfahrungen mit in ihren Alltag. Sie waren begeistert, so wie ich. Auch hatte ich Empfehlungen, es kamen mehr Menschen. Ich stellte mein Atelier zur Verfügung und begleitete sie durch ihre Prozesse.

Die Rückmeldungen und Feedbacks waren durchweg gut und positiv.

Ich bot auch Kurse für Kinder an, da mein Gefühl war, sie für mehr Spass und Mut für Kreativität motivieren zu wollen. Mein Ziel war, ihnen die Freude zum malen, die in der Schule, laut ihren Eltern bereits verloren gegangen ist, zurückzubringen.

Es war nie ein Strom an Teilnehmern, aber sie kamen doch. Aber eben auch nicht mehr. Da ich zunächst noch andere Einkommensquellen hatte, machte es mir keine Sorgen. Ich musste nicht alleine davon leben. Ich entschied dann, aus meinem Brot Job auszusteigen, weil ich mich auch nicht mehr wohl fühlte. Das hatte verschiedene Gründe. Auf jeden Fall wurde dann das neue Einkommen wichtiger. Und das floß nicht, wie ich mir das vorstellte.

Ich stellte mir Fragen wie: Warum läuft es nicht? Was mache ich falsch? Verstehen die Leute, was ich anbiete? Bin ich zu günstig? Habe ich auf das falsche Pferd gesetzt? Was muss ich tun? Was wird den Erfolg und den Durchbruch bringen? Was muss ich noch mehr tun, um bekannter zu werden?

Ich tat und tat. Auf den Punkt gebracht, es lief nicht, wie ich es gebraucht hätte, das Geld wurde weniger. Ich hatte mich verkalkuliert.Sich das einzugestehen, war knallhart.

Ein sehr schwieriger Punkt war auch die Frage, wann hört man da wirklich auf? Ich habe so viel investiert an Zeit, Geld, Energie, Werbung, dass ich sicher war, dass es doch irgendwann laufen würde. Ich müsse nur Geduld haben und einen langen Atem.

Die Frage, wann ist es genug und wann muss ich die Kröte schlucken, um aufzuhören?

Aufgeben – das ist definitiv der schwerste Teil

Dass nicht genug lief, was schwer zu ertragen. Der alte Glaubenssatz: „Man muss nur genug investieren, damit es gut geht“. „Man muss nur dran bleiben, dann fügt es sich“. „Man muss nur Geduld haben.“ Alles BS in meinem Augen zu dem Zeitpunkt. Gefühlt hatte ich alles erfüllt, was es braucht.

Dann kam der Moment, an dem ich feststellte: NEIN, ES GEHT NICHT. Du musst dich selbst sofort stoppen. Den Moment erleben viele an einem unterschiedlichen Punkt. Mir ging das Geld aus. Und ich erkannte mit einem Hammerschlag, was ich nicht sehen wollte: AUS, SCHLUSS, VORBEI.

Das Scheitern ist schon schlimm, aber das dann zuzugeben, ist ein furchtbarer Alptraum. Die Entscheidung loszulassen: das klingt immer so wertvoll, so weise und so spirituell erwacht.

Für mich war es ein innerer Super Gau. Scheitern, Fehler gemacht zu haben, vermutlich viele Fehler, die einem nicht mal wirklich bewusst sind, versagt zu haben, Illusionen nach gejagt zu sein, sich die Welt schön geredet zu haben: das sind nur einige von vielen Gedanken, die mich während dessen und danach gejagt haben. Der ständige Begleiter infolge sind Selbstzweifel wie, ich habe es nicht geschafft, alle anderen können es doch auch, die haben alle Erfolg, nur ich nicht. Weiter gefolgt von: ich schaffe das nie, ich habe es nicht verstanden, ich hatte nicht die richtige Einstellung.

Mir wurden als Folge auch viele Tipps gegeben, Analysen gestellt von erfolgreichen Leuten, Kritik geübt an meinen Fehlern und meiner Einstellung. Ich war definitiv verwirrt und zutiefst geschockt.

Das Schlimmste, denke ich, war die tiefe Scham, die damit einher ging. Das war roh und erschütternd für mein ganzes System. Da zu stehen, nackt, ohne Erfolg, komplett versagt, verletzlich, wie ausgezogen und blamiert bis auf die Knochen.

Meine Learnings

  • Begeisterung ist gut und notwendig. – Ein kühler Kopf ist ebenso notwendig.
  • Die Investitionsmenge muss begrenzt sein.
  • Realistische Planungen sind ein Muss.
  • Ich würde mir immer einen Zeitpunkt setzen und damit ein Zeitlimit. Je nach Budget und Geduld.
  • Wenn es nicht geht, ist es wichtig, das früher zu erkennen und zu sich ehrlich zu sein.
  • Mir sagte jemand: „Die Zeit war dafür noch nicht reif. Du warst zu früh dran mit diesem Projekt.“ Ja, das ist möglich. Wer weiss, ob das stimmt oder auch nur eine Illusion ist.
  • Ich habe die Planung und Durchführung geliebt. Mein Herzblut hinein zu geben, war eine großartige Erfahrung.
  • Die Arbeit mit Klienten hat mein Leben sehr bereichert. Einigen habe ich, nach ihrer Aussage, sehr weiter geholfen und ihr Leben hat sich verändert.
  • Kinderlachen im Atelier war sehr schön. Viele Kinder hatten Spaß, mit Farben so spielen und ihre eigene Freude darin zu haben. Ohne bewertet zu werden.
  • Ich hatte viele tiefe, wertvolle Begegnungen und Gespräche, die mein Leben besser gemacht haben. Menschen kamen einfach ins Atelier, fragten, erzählten ihre Geschichten mit Malen und Kunst, tranken Tee mit mir und zogen zufrieden von davon.
  • Menschen öffneten sich, mit ihren Sorgen und Nöten, was an sich schon ein Geschenk ist, und gingen leichter nach Hause.
  • Den Raum zu öffnen für Begegnungen durch Ausstellungen und Schnuppertage hat manche Freundschaft ermöglicht.

Essenz

Dieser Weg war nicht glanzvoll. Aber wertvoll.

Krisen brechen uns nicht. Sie werden zu Gold.

Meine Beziehung zum Scheitern hat sich verändert: zuerst voller Scham und Selbstzweifel, kommt nach und nach mehr das Gefühl: Es getan zu haben, ist so mutig und wertvoll. Ich bin stolz auf mich.

Was habe ich zu verlieren? Wem gegenüber muss ich Rechenschaft ablegen?

Ich hätte so viel versäumt, wenn ich nicht getan hätte. Wie hätte ich damit leben wollen?

Besser einen Traum begraben zu haben, als ihn nie gelebt zu haben.


„Und du? Welchen Traum hast du schon mal begraben müssen – und was ist daraus gewachsen?“ ERzähle mir deine Geschichte und was daraus für dich entstanden ist.

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